Die Fahrt mit dem Bus führt uns von Yangshuo ca. 140 Kilometer bis nördlich von Guilin in eine Landschaft, die sich sehr von den Karstbergen unterscheidet. Um den 10. Oktober kann es noch ordentlich heiß werden, tagsüber, abends und nachts ist es schon merklich kühler. Es ist genau die richtige Zeit, um die gelbe, herbstliche Phase der Region auf sich wirken zu lassen.

Um nach Ping’an (平安寨, píng’ān zhài) zu kommen, muss man einige hundert Meter vom Parkplatz im Tal zum Dorf hochlaufen. Der Ort liegt an einem Hang und besteht aus Holzhäusern, von denen viele auf Stelzen stehen. Verwinkelte Gassen und steile Treppen führen nach oben – oft ohne schützende Geländer. Nachts sollte man daher unbedingt eine Taschenlampe dabeihaben, damit man nicht erst im falschen Moment merkt, dass ein Schritt zur Seite schnell in die Tiefe geht.
Die Stelzenhäuser spiegeln sich im Schriftzeichen 家 (Haus) wider: Es setzt sich aus zwei Radikalen zusammen, 宀 (Dach) und 豕 (Schwein). Im unteren Bereich des Hauses wurden traditionell Tiere gehalten, darüber liegt der Wohnraum, und unter dem Dach wird Reis zum Trocknen gelagert. Die Stelzen sorgen dabei für eine trockene Lagerung und die Häuser passen sich insgesamt besser an die Steigung des Hügels an. In einer Region, in der das Wetter je nach Jahreszeit oft feucht ist, ist dies eine nachhaltigste Bauweise. Im Dorf riecht es nach Holz, Reis, Kräutern, Tieren.
In China ist mir aufgefallen, dass es nicht viele Insekten gibt. Auf der Fahrt unterhielt ich mich darüber mit einem Mitschüler aus Costa Rica, der ebenfalls bemerkte, dass trotz der dichten Vegetation alles insgesamt ruhiger wirkt: in Costa Rica vibriert das Leben, wenn man durch ähnlich waldiges Gebiet kommt. Hier in China ist es merkwürdig still.
Meine ersten Eindrücke bei der Ankunft – große Hitze, eine wunderschöne gelbbetonte Landschaft, die dunklen Holzhäuser, Gassen mit unebenen Steinplatten, die Hühner teilweise in Käfigen oder frei umher laufend, Touristen, Souvenir Geschäfte, Restaurants, und zwischen den Gebäuden immer wieder der befreite Blick auf die vielen umgebenden Hügel.
Das Zimmer in der Unterkunft ist holzvertäfelt, das Fenster ist eigentlich ein Fliegengitter, das Zimmer hat eine Toilette, die gleichzeitig Duschraum ist. Nachts wachte ich auf und schaute aus dem Fenster in einen unfassbar sternenreichen, schwarzen Himmel. Toll!
Die Drachenwirbel-Reisterrassen (龙脊梯田, Lóngjǐ Tītián) liegen in der Longsheng-Region in der Provinz Guangxi. Ihren Namen verdanken sie den vielen geriffelten Erhebungen: aus der Ferne erinnert das Muster der Terrassen an einen Drachenrücken. Das Gelände ist von Wander- und Spazierwegen durchzogen. Sie verbinden Aussichtspunkt mit Aussichtspunkt, führen von Dorf zu Dorf und eröffnen immer neue Blickwinkel.
Nicht überall ist alles gesichert; gerade deshalb fühlt man sich der Tiefe und der Weite, genau wie im Dorf, manchmal überraschend nah.

Die Terrassen wurden vor über 600 Jahren, in der Yuan-Dynastie, angelegt und werden bis heute von Angehörigen der Minderheiten der Zhuang und Yao bewirtschaftet. Sie zeigen eine besondere Verbindung zwischen Mensch und Natur und haben für die landwirtschaftliche – ebenso wie für die kulturelle – Entwicklung der Region eine wichtige Rolle gespielt. Erst durch sie wurde der Reisanbau an den steilen Hängen dieser Berglandschaft möglich: Die Produktivität stieg deutlich, die Ernährungssicherheit wurde gestärkt. Überschüsse konnten gehandelt werden, was wiederum die wirtschaftliche Entwicklung der Gegend voranbrachte.
Heute kommen Menschen von überall her und verteilen sich wie kleine, bunte Punkte über die Hänge: um die geformte Landschaft zu fotografieren, um sich selbst darin festzuhalten – und am Ende auf den berühmten Sonnenuntergang über den gelb leuchtenden Reisterrassen zu warten.

Ethnische Minderheiten

Dörfer der Zhuang und Yao, wie Ping’an und Dazhai, bieten Einblicke in eine jahrhundertealte Lebensweise. Nicht nur die traditionellen Holzhäuser passen sich der hügeligen Landschaft an, die Bewohner führen ihre Kommunikation mit Antiphon Gesängen über größere Entfernungen mit Lied und Antwort-Lies. Die Gemeinschaftsarbeit – z. B. Gemüse sortieren und säubern -fördert den Zusammenhalt. Aus meinem Hotel konnte ich bis spät Nachts die Unterhaltungen, insbesondere der Frauen, hören, die teilweise über mehrere Häuser und Gassen hinweg das Dorf wach halten. Dazwischen – viel Lachen!
Mit dem Aufkommen des Tourismus sind diese Dörfer beliebte Reiseziele, die mit Wandertouren, kulturellen Vorführungen und lokalen Speisen Besucher anziehen.
Die faszinierende Landschaft der Longsheng-Reisterrassen steht mit den Jahreszeiten nicht still: spiegelnde Wasserschichten im Frühling, gelb-orangene Hänge bis zu schneebedeckten Feldern im Winter. Ein Paradies für Fotografen und Naturliebhaber. Ein Paradies für Auge und Seele.
Obwohl die Region wirtschaftlich vom Tourismus profitiert, steht sie vor Herausforderungen wie der Abwanderung junger Menschen und dem Erhalt traditioneller Kulturen.
