Ankunft in Yangshuo

Die Landschaft wirkt wie ein Versprechen, ein Vorgeschmack auf das, was mich in Yangshuo erwartet. Mit jeder Minute werde ich ruhiger, die anfängliche Nervosität schmilzt dahin. Hier, inmitten dieser fremdartigen Schönheit, fühlt sich die Reise zum ersten Mal wie das Richtige an.

An­kunft und ers­te Ein­drü­cke am 1. Sep­tem­ber 2024
Der Flug mit Chi­na Sou­thern Air­lines war sehr ent­spannt. Die Ma­schi­ne lan­de­te pünkt­lich um 7:20 Uhr in Guang­zhou. Ne­ben mir saß ein jun­ger Stu­dent na­mens Ja­kob. Er war be­reits in Chi­na und wird nun im Rah­men ei­nes Stu­di­en­pro­gramms der Uni­ver­si­tät Köln drei Mo­na­te in Bei­jing stu­die­ren. Der Flie­ger star­te­te am Nach­mit­tag um 14:15 Uhr in Frank­furt. Ich ver­such­te zu schla­fen, konn­te aber nur leicht dö­sen. Ge­gen mei­ne Flug­angst nahm ich eine Rei­se-Vomex, die gut wirk­te. 

An­kunft in Guang­zhou
Vor der Pass­kon­trol­le bil­de­ten sich lan­ge Schlan­gen, ge­trennt nach Chi­ne­sen und Aus­län­dern. Als ich schließ­lich am Schal­ter an­kam, muss­te ich noch ein­mal zu­rück, um ein For­mu­lar aus­zu­fül­len: mei­nen Na­men, die Rei­se­pass­num­mer, mei­nen Ziel­ort in Chi­na so­wie mei­nen ge­plan­ten Rück­flug in­klu­si­ve Flug­num­mer. Da­nach durf­te ich pas­sie­ren. 
Die Kof­fer wa­ren schon längst von den an­de­ren Pas­sa­gie­ren ab­ge­holt wor­den, das För­der­band stand still, und für ei­nen Mo­ment be­fürch­te­te ich, dass mein Ge­päck ver­schwun­den sei. Doch mein Kof­fer stand noch da. 
Ers­ter Ein­druck beim Ver­las­sen des Flug­ha­fens
Drau­ßen schlug mir eine Wand aus Hit­ze (etwa 34 Grad) und Feuch­tig­keit ent­ge­gen. Es er­in­ner­te mich an mei­ne ers­ten Ein­drü­cke in Afri­ka. Dazu kam ein be­son­de­rer Ge­ruch, den ich so noch nie er­lebt hat­te – viel­leicht eine Mi­schung aus Smog, be­stimm­ten Pflan­zen­ar­ten und Öl. Der Ta­xi­fah­rer rauch­te ein Kraut, und zu­sam­men mit der glü­hend hei­ßen, schwü­len Luft, die durch das ge­öff­ne­te Fens­ter ins In­ne­re des Wa­gens ström­te, fühl­te es sich an wie der Be­ginn ei­ner ganz an­de­ren Rei­se. 

Am Süd­bahn­hof
Am Süd­bahn­hof er­folg­ten wei­te­re Pass- und Ge­päck­kon­trol­len. Ich muss­te mei­nen Kof­fer öff­nen, und mit ei­ner Sche­re wur­de an­ge­deu­tet, dass ich et­was auf­schnei­den sol­le. Nach­dem ich mei­ne Sa­chen ge­zeigt hat­te, ver­zich­te­ten die Kon­trol­leu­re dar­auf.
Am Schal­ter von *12306* konn­te ich mein Ti­cket um­tau­schen und ei­nen frü­he­ren Zug nach Yangs­huo neh­men. Die 1. Klas­se im D-Zug war sau­ber, aber et­was ab­ge­nutzt: Die Sitz­be­zü­ge wa­ren ver­schlis­sen, und ein leich­ter Ge­ruch von al­tem Rauch hing in der Luft. Im­mer­hin er­mahn­te die Durch­sa­ge, nicht zu rau­chen.

Nach ei­ner ge­fühl­ten Ewig­keit ver­ließ der Zug die Me­ga­stadt­land­schaft Guang­zhous und fuhr in grü­ne­re Ge­fil­de. Die Land­schaft er­in­ner­te mich an die Py­re­nä­en, nur auf der an­de­ren Sei­te der Welt. Der Zug rollt gleichmäßig durch die Landschaft, und langsam verändert sich die Szenerie. Nach den endlosen Hochhäusern und der grauen Weite Guangzhous tauchen die ersten Hügel auf – grün, weich geformt, noch zurückhaltend.


Doch dann plötzlich: Karstberge. 

Wiki: (Fengcong) Tropischer Turmkarst ist eine spektakuläre Karstlandschaft der wechselfeuchten Tropen, charakterisiert durch steilwandige, isolierte Kalksteintürme (Mogoten), die aus flachen Ebenen aufragen. Er entsteht durch intensive tropische Verwitterung (Korrosion) und fluviale Erosion, oft in Südchina, Vietnam oder Thailand. Diese Formen sind Endstadien der Verkarstung, oft nach dem Einsturz von Höhlensystemen.

Sie ragen wie mächtige Naturdenkmäler aus der Ebene empor, wild und doch harmonisch, als wären sie aus einem chinesischen Gemälde entsprungen. Der Blick aus dem Zugfenster fesselt mich. Jeder Berg hat eine andere Form – mal schroff, mal rund, mal von Vegetation umschlungen, als hätte die Natur jeden einzeln modelliert.
Die Landschaft wirkt wie ein Versprechen, ein Vorgeschmack auf das, was mich in Yangshuo erwartet. Mit jeder Minute werde ich ruhiger, die anfängliche Nervosität schmilzt dahin. Hier, inmitten dieser fremdartigen Schönheit, fühlt sich die Reise zum ersten Mal wie das Richtige an.


An­kunft in Yangs­huo
Am Bahn­hof von Yangs­huo wur­de ich von ei­nem gut kli­ma­ti­sier­ten E-Taxi ab­ge­holt. Auch die­se Fahrt war wun­der­bar und bot ein­drucks­vol­le Aus­bli­cke.

Das Ein­che­cken
Das Ein­che­cken im Zim­mer in der Unterkunft Tiffany ver­lief rei­bungs­los. Das Zim­mer ist sehr mi­ni­ma­lis­tisch ein­ge­rich­tet. Die Du­sche ist eben­er­dig und teilt sich den Raum mit der Sitz­toi­let­te. Es gibt je­doch ei­nen Ab­zie­her, mit dem man das Was­ser spä­ter ent­fer­nen kann.


Erstes Fazit am Tag 1
Noch zwei Tage vor meiner Abreise spielte ich ernsthaft mit dem Gedanken, alles abzusagen und die fast einjährige Vorbereitung einfach ungenutzt verstreichen zu lassen.
Welche Ängste plagten mich? Drei Monate allein in ein Land zu reisen, dessen Sprache ich nur so weit beherrschte, um mich vorzustellen oder nach dem Weg zu fragen – aber nicht mehr. Ein Land, das in Europa als autoritär und mit seiner Wirtschaftskraft als bedrohlich wahrgenommen wird. Dessen Kultur durch persönliche Kontakte, Bücher, Artikel, Filme mehr und mehr vertraut wurde, trotzdem aber fremd ist. Die bisherigen Sorgen über mein Alter, meine Zukunft, meine Gesundheit, meinen Platz in der Gesellschaft, die politischen Entwicklungen, ragten rein.

Jutta Schein
Jutta Schein
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